Rettungshubschrauber stürzt ab
Unfall beim Start / Vierköpfige Besatzung leicht verletzt / Pilot gibt Flughafen Mitschuld
Von Stefan Wittke
Der Rettungshubschrauber Christoph Niedersachsen ist am Freitagvormittag beim Start am Flughafen Langenhagen verunglückt. Aus eineinhalb Metern Höhe stürzte der Helikopter ab und kippte auf die Seite, weil sich die linke Kufe infolge einer starken Windböe an einer Plattform verhakt hatte. Bei dem Unfall rissen die Rotorblätter und Teile der Außenhaut ab, die Kanzel zerbrach, Trümmerteile wurden über das Rollfeld geschleudert. Die vierköpfige Besatzung des Rettungshubschraubers hatte ersten medizinischen Untersuchungen zufolge noch Glück im Unglück. Pilot, Kopilot, Notärztin und Rettungsassistentin wurden nur leicht verletzt. Am 2,2 Millionen Euro teuren Hubschrauber entstand Totalschaden.
Achim Bickel, Stationsleiter der Betreiberfirma des Hubschraubers, gibt dem Flughafen eine Mitschuld an dem Unfall. Bickel verweist auf die fehlende Rangierfähigkeit der Startplattform auf der endgültigen Startposition im Vorfeld. Dort sei es schlicht zu eng, so dass der Hubschrauber immer nur in einer Nord-Süd-Achse ausgerichtet werden könne. Optimal sei es, wenn schon vor dem Start die Nase des Hubschraubers in den Wind gedreht werden könne, um gerade während des senkrechten Aufsteigens starken Böen wenig Angriffsfläche zu bieten. Bei starkem Westwind wie am Freitag seien die Startbedingungen für die Helicopter „sehr schlecht“. Aus Kostengründen habe der Flughafen die Mängel aber bisher nicht beseitigt. Entsprechende Zusagen gebe es erst für dieses Jahr. „Es ist furchtbar, dass es kurz vorher doch noch zu einem solchen Unfall kommen musste.“ Flughafen-Sprecher Sönke Jacobsen wollte die Kritik am Freitag nicht kommentieren. Er verwies auf die Ermittlungen der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchungen. Noch stehe die genaue Unglücksursache nicht fest.
Um 9.24 Uhr sollte der Christoph Niedersachsen starten, um einen Intensivpatienten zu transportieren. Wie stets wurde der rot-weiße Helicopter vom Typ McDonnel Douglas 900 „Explorer“ aus einer Halle im „Privatbereich“ im Westen des Flughafens – dort stehen auch Sportflugzeuge und kleinere Jets – herausgeschoben. Dabei steht der Hubschrauber auf einer fahrbaren Plattform.
Im Abheben muss eine heftige Böe den Hubschrauber von der Seite erfasst haben. Wie Augenzeugen schildern, verhakte sich die linke Kufe an einem Rad auf der Startplattform, der Bug des Helikopters stellte sich schräg in die Luft, dann drehte sich die Maschine und kippte auf die Seite. Binnen Minuten war die Flughafenfeuerwehr an Ort und Stelle, die Besatzung wurde geborgen, die voll getankte Maschine abgesichert.
Nur knapp 30 Minuten stand der Flugbetrieb still, weil die Feuerwehr komplett am Unfallort eingesetzt war. Nicht starten konnte der Jet von TUI-Chef Michael Frenzel. Das Flugzeug stand direkt am Unglücksort, Frenzel musste mit einstündiger Verspätung auf einen anderen Jet ausweichen.
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So fliegt ein Hubschrauber
Normalerweise bringen zwei Rotoren einen Hubschrauber zum Fliegen: Der große Rotor auf dem Dach der Maschine lässt sie steigen, schweben oder sinken. Zum Steigen beim Start müssen die Rotorblätter schräg gestellt werden. Dann durchschneiden sie die Luft so, dass Auftrieb entsteht. Stehen sie waagerecht, sinkt der Helikopter. Bei einem Winkel zwischen diesen beiden Werten hält der Hubschrauber seine Höhe. Damit der Hubschrauber in den Vorwärtsflug übergeht, muss die Rotorscheibe nach vorne geneigt werden. Das alles funktioniert aber nur mit Hilfe des Heckrotors. Ohne ihn würde sich der Helikopter einfach nur im Kreis drehen. Bei manchen Maschinen wird der Heckrotor durch ein Düsensystem ersetzt, das Abgas vom Hauptrotor nutzt. So war es auch beim Unfallhelikopter am Flughafen.
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Stichwort
Luftrettung
Die Luftrettung in Niedersachsen untersteht der Landesregierung. Landesweit gibt es sechs Standorte für die Christoph-Rettungshubschrauber, zumeist in der Nähe von Notfallkliniken. In der Region Hannover gibt es zwei Rettungshubschrauber, die rund um die Uhr einsatzbereit sind. An der MHH ist seit 32 Jahren der Christoph 4 stationiert, der von der Klinik, vom Bundesgrenzschutz und von den Johannitern betrieben wird. Er gehört mit 1500 Flügen jährlich – 80 Prozent in der Region – zu den meistgenutzten bundesweit. Christoph 4 trägt die Hauptlast im Rettungswesen. Der verunglückte Christoph Niedersachsen ist am Flughafen stationiert. Über die Deutsche Rettungsflugwacht (DRF) als Träger und die Betreiberfirma HSD ist er in das landesweite System eingebunden. Christoph Niedersachsen wird seltener für Rettungsflüge eingesetzt, eher für den Transport von Intensivpatienten von einer Klinik zur anderen. Bereits am Freitag wurde ein neuer Rettungshubschrauber mit einer neuen Crew am Flughafen stationiert. sw
Quelle: HAZ vom 12.03.2005




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