Sylvester auf einer kleinen verträumten norddeutschen Rettungswache am Rande der Stadt.
Gegen 13:00h wurde ich mit den Worten: „...für Dich - die Lst ist dran“ zum Telefon gerufen. Der freundliche Disponent teilte mir mit das sich ein Auftraggeber für Sanitätsdienste bei ihm gemeldet habe und um dringenden Rückruf bat. Ich tat also wie mir geheißen und rief den Kunden zurück.
„Hallo Daniel was kann ich denn heute für Dich tun?“
Die Antwort fiel nach einigem rumdrucksen in etwa so aus...
Ich habe eine Sylvester-Party mit 300-500 Gästen und brauche einen RTW und 2-3 Sani's.
Wann und wo?
Heute um 18:00h im alten Gaswerk
Man kann sich vorstellen das es am Sylvesternachmittag nicht gerade so von RTW-Besatzungen und Sani's wimmelt, aber ich sagte ihm das ich zwar nichts versprechen könne aber ich mich darum kümmern würde. Nach ca. 5 weiteren Telefonaten mit einigen Kameraden hatte ich die Mannschaft komplett - 1 Rettass, 2 RS und 2 Sani's. Wir trafen uns um 16:30h an der Wache und besetzten einen RTW und einen MTW, packten noch einigen notfallmedizinischen Kleinkram, Decken und eine KatS-Trage ein und fuhren zu dem ca. 20 km entfernten Einsatzort.
Am Einsatzort angekommen, machten wir gemeinsam einen Objektbegehung und ich legte gemeinsam mit dem Leiter des Sicherheitsdienste die Kommunikationswege untereinander fest.
Nun bezogen wir die ehemalige Pförtnerei (4 Räume) und richteten und dort „häuslich“ ein. Ein Raum wurde Personalraum, einer wurde als Intensivbehandlungsplatz, einer als Ruheraum und der letzte als Verbandraum eingerichtet. Einer meiner Kameraden meinte dann noch das es etwas überzogen sei, sich für die 300-500 „Figuren“ so stabsmäßig vorzubereiten, aber ich sagte ihm das ich so ein Gefühl hätte dass wir es noch brauchen würden - nun ja, wir werden sehen.
Nachdem wir uns eingerichtet hatten wurden wir vom Veranstalter berüßt und zu einem ausgiebigen Essen eingeladen und danach mit ausreichend Getränken für unsere „Wache“ ausgestattet. Also nutzen wir die letzten 15 Min vor dem Einlass noch um letzte Checks vorzunehmen und die Ladestationen für Handlampen und HFuG's zu installieren. Dann um 19:00h war Einlass und es hatte sich schon eine Schlange von ca. 200m vor dem „Werkstor“ gebildet, die ständig zunahm. Nach etwa 15 Min. hatten wir auch schon die ersten beiden „Kunden“ bei uns im Verbandraum sitzen und die kleineren Blessuren wurden versorgt. Nach diesem ersten Tätigwerden schauten wir auf die Strasse und trauten unseren Augen nicht - die ganze Strasse gerammelt voll mit Menschen die offensichtlich alle das „Alte Gaswerk“ als Ziel hatten. Mittlerweile hatten sich die Einlassposten des Sicherheitsdienstes verdreifacht und es wurde auch nur noch in Intervallen eingelassen.
Gegen 20:30h meldete sich ein Mitarbeiter des Veranstalters bei mir und teilte mir mit, das sich bald 2 weitere KTW-Besatzungen eines anderen RD bei mir melden würden und uns verstärken sollten. Über diese Nachricht war ich mehr als froh, denn mittlerweile waren wir auch bei Pat. Nr. 22 angekommen und so langsam machten mir die Materialvorräte sorgen, da wir schon die Krankenkraftwagenverbandkästen aus den Fahrzeugen geholt hatten. Die angekündigten KTW's kamen um ca. 20:50 bei uns an und es entstand einen sehr angenehme Atmosphäre in der sich gut arbeiten ließ. Ich beschloß in einem halbstündigen Rhythmus eine Fußstreife über das Gelände patrouillieren zu lassen und einen 2-Mann-Trupp für den Transport auf dem Gelände bereit zu stellen.
Nun überschlugen sich die Ereignisse und ich entschied das der RTW nicht mehr für den Transport genutzt werden und der Regel-RD dieses übernehmen sollte, da die Ordnungskärfte uns im 10-Minutentakt mit Patienten versorgten und auch die Fußstreife an diesem Abend wirklich nicht „faul“ war. Gegen 22:30h rief ich die Lst an und und bat sie darum das 4 der 5 Kameraden des MSD (Medizinischer Sonderdienst) fahren und den RW-San für den Einsatz sollten, da wir schon wieder mit dem Material am Ende waren. Ein Kamerad des MSD meldete sich kurz danach bei mir und fragte nach welchen Hilfeleistungssatz er denn verlasten sollte. Ich entschied mich für den MANV-Satz und bekam nach ca. 7-8 Minuten die Rückmeldung, dass das Fahrzeug nun einsatzbereit sei und abgeholt werden könne. Aufgrund der angespannten Einsatzlage und den ca. 3000 (in Worten: Dreitausend) Gästen und der laufenden Pat.-Versorgungsnummer 64 rief ich die Lst an und alarmierte unsere SEG-San zur weiteren Unterstützung.
Als um ca. 23:10h der RW-San und ein weiteren KTW bei uns eintrafen „verbastelte“ gerade eine Kameradin unsere letzten beiden Zemuko's. Die RTW's des Regel-RD gaben sich bei uns an der „Wache“ die Klinke in die Hand und eine der Besatzungen fragte wann denn bei uns mal Pause wäre denn er hätte seit 18:00h keine Pause mehr gehabt und sei auch etwas hungrig geworden - die Antwort kam prompt...
Notfall, Zustand nach Messerstecherei auf der Straße, Pat. männl. ca. 30j, mit mehreren Stichverletzungen und einer arteriellen Blutung.
Das nachalarmierte NEF wurde von der Lst in ca. 20-30 Min. angekündigt, da man im Moment „Lieferschwierigkeiten“ bei den Akademikern habe. Parallel wurde die Pol mit zur Einsatzstelle geschickt und ein Beamter des als erstes am Einsatzort eintreffenden Streifenwagens war dann auch unser nächster Pat. Der Beamte war beim aussteigen auf eine Sektflasche getreten und dann gestürzt, dabei hatte er sich eine Kopfverletzung und eine Unterarmfraktur zugezogen.
Unterdessen hatten die Kameraden der SEG-San das Zelt als weiteren Behandlungsplatz aufgebaut und eingerichtet, sowie unsere Bestände wieder aufgefüllt und sich aktiv an der Versorgung weiterer Pat. beteiligt. Um 00:00h zeigte mir ein kurzer Blick auf die Doku das wir bei Pat.-Versorgungsnummer 111 waren - Prost Neujahr
Als um ca. 00:40 die Kripo den Tatort der Messerstecherei übernommen hatte und mit der Spurensicherung beschäftigt war fielen draußen plötzlich Schüsse, ein Projektil schlug durch ein Fenster der Pförtnerei und blieb in der Decke stecken. Alle Kameraden hatten daraufhin „volle Deckung“ genommen. Nach ca. 10 Min. kam ein Beamter der Kripo zu uns uns teilte mit das keine Gefahr mehr bestände, da die Schüsse aus einem vorbeifahrenden Wagen abgegeben worden seien und nun die Spuren auch hier gesichert werden müßten.
Gegen 02:30h bebte dann die Patientenflut es was ab und de Kameraden der SEG-San konnten gegen 03:00h mit Dank aus diesem Einsatz entlassen werden und die Stammannschaft übernahm wieder die alleinige Weiterführung des Dienstes.
Der letzte abrückende RTW des Regel-RD verabschiedete sich mit den Worten: „Wenn ihr nächstes Jahr wieder hier Dienst macht informiert uns doch bitte vorher und ich mache dann freiwillig am Heiligabend die Nachtschicht.“
05.30h
Rückbau der Behandlungsräume und allgemeine Aufräumarbeiten
06:00h
Ende der Veranstaltung, verlasten aller (Rest)-Materialien und Gerätschaften
07:30h
Nach ausgiebigem Frühstück mit allen Kameraden, Mitarbeitern vom Veranstalter und dem Sicherheitsdienst - Einsatzende und einrücken.
Resümee:
18 Einsatzkräfte
172 Hilfeleistungen
33 Transporte in Krankenhäuser
5 Fahrzeuge
Verbrauchsmaterial - ungezählt
eigene Verletzte/Ausfälle - KEINE
- Ein erfolgreiches und gesundes neues Jahr wünscht euch allen, Eure Einsatzleitung -






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